Heute vor einem Jahr

Unbemerkt von der Welt ereignete sich eine wichtige Wende genau vor einem Jahr: ich wechselte mein Alter von einer 3-er zu einer 4-er Dekade. Diesen Anlass benutzte ich, um das neue Lebensjahrzehnt optimistisch und engagiert zu beginnen. So ging ich denn zum Kanzleramt, um Angela Merkel persönlich einen Brief von Jim Hansen zu überbringen. Etwas besseres kann man sich doch für seinen 40. Geburtstag nicht wünschen, oder?

In diesem Brief - der ähnlich verfasst war wie Hansens Brief an Gordon Brown - beschreibt Jim Hansen warum wir die CO2 Konzentration der Erdatmosphäre auf maximal 350 ppm reduzieren müssen, und warum wir uns deswegen keine weiteren Kohlekraftwerke, die kein CCS haben, leisten können.

Damals war ich überzeugt, dass Deutschland - u.a. dank dieses Briefes - Vorreiterland sein wird, welches dem Rest der Welt zeigen wird, was nötig und möglich ist, um effektiv gegen den Klimawandel vorzugehen; dass Deutschland der Kipp-Punkt im politischen System sein wird, der endlich effektive mutige Maßnahmen ins Rollen bringt.

Leider hatte Frau Merkel keine Zeit für mich - ja gibt es denn wichtigere Dinge auf der Welt für eine Bundeskanzlerin als mein Geburtstag?! ;-) Na gut, das ist vielleicht sogar verständlich. Weniger verständlich war, dass wir nie eine Reaktion auf Hansens Brief bekamen. Nun scheinen stattdessen die USA die Vorreiterrolle im Klimaschutz zu übernehmen.

Ein weiteres wichtiges Ereignis fand am selben Tag statt: ich besuchte Prof. Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), und persönlicher Klimaberater unserer Regierung. Was für ein faszinierender Mensch John Schellnhuber ist! Er verbindet wissenschaftliche Korrektheit mit Menschlichkeit, Besorgnis mit Zuversicht, Freundlichkeit mit Ehrlichkeit, Respekt mit Kritik, Bedachtsamkeit mit Klarheit, Wissen mit Offenheit, und Standhaftigkeit mit Flexibilität. Wenn es jemanden gibt, der ehrlich besorgt um unsere Zukunft ist und es schafft trotz dieses Wissens klar, unbeirrt und offen an Lösungsmöglichkeiten zu arbeiten, dann ist John einer dieser seltenen Ausnahmen.

Ich denke, wir alle könnten sehr viel von John Schellnhuber lernen: bedächtiger und respektvoller miteinander umzugehen, und bei  Meinungsverschiedenheiten freundlich aber deutlich den eigenen Standpunkt zu vertreten, aber gleichzeitig offen für neue, vielleicht sogar zunächst unakzeptabel erscheinende Ideen zu sein. Die Dringlichkeit des Klimawandels darf uns nicht dazu verleiten, daß wir unsere Besorgnis als Ausrede dafür nehmen, uns selbst in den Vordergrund zu stellen, und unsere Ideen als die beste und einzige Lösung zu halten.

Al Gore sagte in seiner Nobelpreisrede: „Wenn Du schnell gehen willst, dann gehe alleine. Wenn Du weit kommen willst, dann gehe mit anderen zusammen. Wir müssen schnell weit kommen.“ Und um zusammen schnell weit zu kommen, müssen wir alles versuchen, möglichst viele Interessensgruppen zusammen zu bringen, und in gegenseitigem Einverständnis zu handeln. Das schaffen wir aber nur, wenn wir dabei besonnener, freundlicher, respektvoller und ehrlicher miteinander umgehen.

Wer weiss, vielleicht schaffen wir es ja dann doch noch, dass Deutschland eine wahre Vorreiterrolle übernimmt.

Maiken

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