Der Wechsel zu Erneuerbaren Energien kann und muss beschleunigt werden. „Wir brauchen keine „Brücken“ zu Erneuerbaren Energien in Form einer Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken oder neuen fossilen Großkraftwerken. Nichts ist schneller realisierbar als Investitionen für eine dezentrale Energieversorgung aus Erneuerbaren Energien durch eine Vielzahl von Investoren in breiter Eigentumsstreuung.“ Hermann Scheer, Träger des Alternativen Nobelpreises.
Immer mehr Menschen spüren es in ihren Haushaltskassen: Die Preise für Strom, Gas, Hauswärme und Kraftstoffe steigen unaufhörlich. Alle merken es und viele wissen es: Die Energieversorgung aus Erdöl, Erdgas, Kohle und Atomkraft ist zukunftslos! Deren Reserven gehen weltweit zur Neige. Die Förderung der Restvorkommen wird immer kostspieliger. Die Folgen sind zunehmende internationale Konflikte, wirtschaftliche Engpässe und soziale Nöte. Gleichzeitig verursacht der Verbrauch dieser Energiequellen unbezahlbare Folgeschäden – vom Klimawandel bis zum Atommüll. Weiteres Festhalten an fossilen und atomaren Energien treibt die Gesellschaft in die Existenzfalle.
Nur die effiziente Nutzung vorhandener Energie und der konsequente Umbau zu Erneuerbaren Energien können wirtschaftliche, soziale und ökologische Abstürze abwenden. Zu lange sind diese Notwendigkeiten ignoriert, verzögert oder blockiert worden.
Der ehemalige US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore hat die vollständige Umstellung der Stromversorgung in den USA auf erneuerbaren Quellen binnen zehn Jahren gefordert. Damit hat er unsere reale Vision bestätigt: Der Energiewechsel ist zeitnah möglich, nötig und dringlich. Was in den USA als realisierbar gilt, ist auch bei uns in Europa und erst recht in Deutschland machbar. Denn wir sind darauf wirtschaftlich und technologisch besser vorbereitet. Und wir können uns auf breite Zustimmung vieler Menschen stützen.
Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist Deutschland seit 2000 Vorreiter und Vorbild bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen geworden. In nur acht Jahren wurde der Anteil Erneuerbarer Energien an der deutschen Stromversorgung von 5 auf 15 Prozent gesteigert. Allein im Jahr 2007 gab es in Deutschland einen Zuwachs in der Stromproduktion aus Erneuerbaren Energien um 16 Mrd. Kilowattstunden, was der Jahresproduktion von zwei Atomkraftwerken oder zwei großen Kohlekraftwerken entspricht. Wenn dieser Trend in den nächsten 15 Jahren fortgesetzt wird, könnten wir schon Anfang der 20er Jahre einen Anteil an der Stromversorgung von über 60 Prozent erreichen. Dieses Tempo kann und muss beschleunigt werden.
Nirgends sonst sind so viele Solar- und Windkraftanlagen und moderne Biogasanlagen installiert wie in Deutschland. Die weltweit technisch profilierteste Industrie mit über 250.000 Arbeitsplätzen ist entstanden.
Nirgendwo gibt es so viele für Erneuerbare Energien engagierte Techniker, Handwerksbetriebe, Unternehmen und kommunale Energieversorger wie in Deutschland. Dies alles wurde gegen die Widerstände der Stromkonzerne erreicht, und obwohl immer noch viele politische Instanzen willkürlich Standortgenehmigungen für Anlagen verweigern – so vor allem in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen mit ihrer Benachteiligung gegenüber der Windkraft und Wasserkraft.
Überall in Deutschland ist sichtbar, wie sich die Gewinnung von Strom aus Solar- und Windkraftanlagen ausbreitet. Solartechnik ist für Deutschland, in Europa und auf allen anderen Erdteilen gleichermaßen zukunftsträchtig. Die damit mögliche autonome Stromversorgung spart nicht nur Brennstoffkosten und vermeidet jegliche Emission, sondern senkt künftig auch Netzkosten. Im Laufe weniger Jahre kann die selbsterzeugte Kilowattstunde Solarstrom billiger sein als jeder über das Netz gelieferte Strom. Hunderttausende unabhängige Solarstromerzeuger in Deutschland haben schon das Versorgungsmonopol der Stromkonzerne gebrochen. Eine neue Ära hat begonnen:Die Stromerzeugung geht in Millionen Bürgerhände über!
Stadtwerke, Betreibergemeinschaften und Unternehmen haben begonnen, mit Erneuerbaren Energien die Stromversorgung in eigene Hände zu übernehmen. Mit dem Wechsel zu dezentraler Stromversorgung in Stadt und Land, bei dem viele Anlagen die wenigen Großkraftwerke ersetzen, wird überall die regionale Wirtschaftskraft gestärkt. Das Ziel eines Strommixes aus Erneuerbaren Energien, in dem sich Strom aus Sonnen-, Wind- und Wasserkraft, aus Bioenergie und geothermischer Energie wechselseitig ergänzen, ist greifbar. Das Aubaupotenzial jeder einzelner dieser Optionen wird immer noch weit unterschätzt. Neue Speichertechniken werden eingeführt und verbreitern die technologische Basis für die umfassende Energiewende.
Vor allem aber: Atomare und fossile Energien werden immer teurer werden, weil sowohl die Brennstoffkosten wie die Folgeschäden anwachsen. Erneuerbare Energien werden dagegen immer billiger, weil – außer bei der Bioenergie – keine Brennstoffkosten und Folgeschäden entstehen. Alle Kosten sind Technikkosten, und diese sinken mit industrieller Massenproduktion und laufenden technischen Verbesserungen. Die Produktion dieser Energietechniken ist die Zukunftschance unserer Industriegesellschaft. Der Aufwand für Erneuerbare Energien heute ermöglicht billige und umweltfreundliche Energie für morgen und übermorgen.
Dies ist erst der Anfang. Doch schon heute ist erwiesen: Die Energiewende hin zur Vollversorgung aus Erneuerbaren Energien ist möglich. Sie kann sogar schneller verwirklicht werden als allgemein angenommen wird, wenn wir nur wollen. Wir können für Europa und Deutschland das gleiche Ziel ansteuern, das Al Gore in den USA einfordert: den vollständigen Wechsel zu Erneuerbaren Energien in zehn Jahren. Was technologisch ausführbar und wirtschaftlich nützlich ist, muss auch politisch versucht werden. Nichts spricht dagegen.
Nach den vom Bundestag im Juni beschlossenen Novellen des Erneuerbare- Energien-Gesetzes und des Kraft-Wärmekopplungs -Gesetzes geht es nun darum – Blockaden auf Ländereben von Standortgenehmigungen für Erneuerbare-Energie-Anlagen abzubauen, – Erneuerbare Energien in der kommunalen Bauleitplanung sowie in der Regional- und Landesplanung als „vorrangigen öffentlichen Belang“ einzustufen und – auf europäischer Ebene allen Versuchen entgegenzutreten, die Verbreitung Erneuerbarer Energien durch Einführungsquoten zu begrenzen.
Denn der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist der Weg in die ökologische und ökonomische Zukunft. Er verstetigt die Chancen der deutschen Wirtschaft für viele neue Arbeitsplätze in Industrie und Handwerk, für den deutschen Industriestandort auf dem Weltmarkt des 21. Jahrhunderts und für dauerhaft stabile regionale Wirtschaftsstrukturen. Das Erneuerbare- Energien-Gesetz hat ihrer Einführung weltweit Auftrieb verschafft. Diese von Deutschland ausgehende Entwicklung muss mit politischem Mut und wirtschaftlicher Kreativität zu weiterem Aufschwung gebracht werden.
Weitere Informationen über Chancen, Möglichkeiten und Zukunft der Erneuerbaren Energien finden Sie bei www.eurosolar.org. In der Rubrik „Argumente“ haben wir Beispiele für die Aussichten der Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien zusammengestellt und zitieren aus Studien. Außerdem können Sie die Denkschrift von Hermann Scheer „Jenseits von Kohle und Atom“ nachlesen. Zusätzliche Auskünfte erhalten Sie von der Agentur für Erneuerbare Energien bei www.unendlich-viel-energie.de.
Die Unterzeichner:
Olaf Achilles, Berlin · Kathrin Ackermann, München · Prof. Karl-Heinz Adler, Leonberg · Dr. Hans-Peter Ahmels, Hooksiel · Prof. Dr. Sergio Albeverio u. Solvejg Albeverio-Manzoni, Bonn · Helga Allmenröder, Hamburg · Bigi Alt, Baden-Baden Dr. Franz Alt, Baden-Baden · Kerstin Andreae, MdB, Freiburg · Martin u. Reinhild Anemüller, Bad Sassendorf · Frank Asbeck, Bonn · Hans-H. Baetcke, Lörrach · Klaus-Peter Bakalorz, Freiberg · Prof. Dr. Richard Bamler, Gilching · Monika Barker, Dobel · Ingrid Bauder, Stuttgart · Karla Bauer, Murnau · Roland Baumann, Ulm · Dr. Peter Becker, Marburg · Marianne Behmenburg, Pluderhausen · Dr. Claus Beneking, Erfurt · Lore Bernecker-Boley, Bietigheim-Bissingen · Dr. Friedrich Bertram, Baldham · Alexander Betsch, Güglingen · Hans-Jörg Bieger, Hamburg · Johanna Bißmeier-Kluge, Hannover · Heinrich Blasenbrei-Wurtz, Besigheim Eberhard Block, Berlin · Dr. Meinolf Block, Heidelberg · Peter Bock, Köln · Prof. Dr. Eckhart Böhm, Lüdenscheid · Isolde u. 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